Wissenswertes für Eltern und Lehrer

Lob und Tadel

Jeder weiß, dass Lob guttut und Tadel wehtut.

Nach Auffassung mancher Psychologen muss man 10 mal loben, um einen Tadel zu kompensieren.

Wofür aber kann man ein rechenschwaches Kind loben, wenn das Kind mit einer 6 in Mathe nach Hause kommt? Soll man sagen: „Ich finde es ganz toll, dass du den Mut hattest ein leeres Blatt abzugeben“ oder „Fein, dass du schon Zahlen schreiben kannst, du wirst auch sicher bald lernen, sie richtig auf dem Blatt zu verteilen“ oder „Du kannst zwar nicht rechnen, aber das Bild, das du in der Zeit gemalt hast, ist wunderschön,“ oder „Wie schön, du hast keinen Rechtschreibfehler gemacht.“ Das klingt eher nach Häme als nach Lob.

Die Hausaufgabensituation gibt auch nichts zum Loben her. Die Lösungsvorschläge, die das Kind zum Besten gibt, sind oft nicht nachvollziehbar: Bei der Rechnung „20 – 20 = 8“ werden Eltern zuerst versuchen, die Aufgabe mit anschaulichem Material verständlich zu machen und an die Vorstellung „Wenn du von 20 alle weg nimmst, …“ zu appellieren. Klappt die Aufgabe „30 – 30“ dann nicht, liegt für viele Eltern der Schluss nahe: „Mein Kind hält mich zum Narren“. Aus diesem Urteil kann kein Lob erwachsen.

Der Elternteil, der nicht mit der Hausaufgabenbetreuung befasst ist, vermutet nicht selten Faulheit und zieht den Schluss: „Hier hilft nur Druck.“ Untermauert wird diese Vorstellung oft durch die eigene Lebenserfahrung: „Bei mir war das früher auch so“.

Beide Urteile führen in ihrer eigenen Logik zwangsläufig zu Tadel, Schimpfen, Bestrafung. Die Erkenntnis, dass das Kind an einer Rechenschwäche leidet, wird diese Urteile und ihre Konsequenzen revidieren.

Dass keine Böswilligkeit des Kindes vorliegt und auch Faulheit nicht der Grund für Versagen in Mathematik ist, kann zwar Bestrafungen aller Art verhindern, aber die Verzweiflung bleibt: „Wofür soll ich mein Kind in Mathematik loben ?“

Eltern und Lehrer machen sehr schnell die Erfahrung, dass sie nichts Lobenswertes finden, solange sie das Kind am Klassenniveau messen. Im Vergleich zu den Klassenkameraden ist es ja gerade jenseits von Gut und Böse.

Wer sein Kind loben will, muss für sich zuerst die Maßstäbe ändern. Nicht der Schulstoff darf Maßstab sein, auch nicht die Lösung einer leichteren Aufgabe.
Oft enthalten Teilschritte, die individuellen Rechenwege der Kinder oder einzelne Gedanken gute Ansätze, die man auch dann unterstützen kann, wenn gerade in der Schule ein anderer Rechenweg gefordert ist. „Im Schulbuch steht doch, das soll man so machen“, „Du rechnest ja viel zu umständlich“, „Ihr sollt das doch in der Schule anders machen“.
Solche „Hilfen“ machen Lob unmöglich.
Oft gibt es Vorstellungen, die im Ansatz richtig sind und in der Umsetzung sind Fehler passiert, so dass das Endergebnis letztendlich falsch ist.
Umgekehrt enthalten viele falsche Lösungen gar keinen Rechenfehler im Sinn von Verrechnen, sondern sind Strategiefehler.
In beiden Fällen ist ein einfaches „Falsch“ für das Kind nicht hilfreich.
Fehler sollen durchaus thematisiert werden. Wird das Kind für den Fehler getadelt, ist er ein Makel, für den es sich schämen wird, den es vertuschen will. Geht man aber gemeinsam auf die Suche, wie dieser fehlerhafte Gedanke zustande kam, kann man aus Fehlern lernen.

Dabei ist das Kind auf Hilfe angewiesen, denn es sucht sehr wahrscheinlich seinen Fehler dort, wo es ihn nicht gemacht hat. Das Kind, das einen Strategiefehler gemacht hat, wird nachrechnen und dabei wieder zum gleichen (falschen) Ergebnis kommen und verzweifeln.

Vielleicht hilft folgende Vorstellung:
Ein körperbehindertes Kind, das jahrelang an den Rollstuhl gefesselt war, geht zum ersten Mal in seinem Leben drei Schritte freihändig, fällt dann hin.
Das ist ein Grund für ein Fest. Ein Kind mit Arithmasthenie hört in einer vergleichbaren Situation meist: „Du kannst ja immer noch nicht laufen“.
Wer ein Kind loben will, muss also zuerst lernen, die kleinen Schritte zu erkennen. Nur wenn es einen Fortschritt zu feiern gibt, kann man so loben, dass es nicht unglaubwürdig wird. Wer lernt, genau zu beobachten und feine Veränderungen zu erkennen, wird auch immer wieder Fortschritte erkennen.

Wem dabei der Unterrichtsstoff als Maßstab im Nacken sitzt, wird auf diesem Auge blind.

 

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